Unermüdlich geackert

Kommunales

Die künftige Ludwigshafener OB Jutta Steinruck (SPD) hat im Wahlkampf Stehvermögen bewiesen

Die SPD-Kandidatin Jutta Steinruck (55) hat sich im zweiten Wahlgang am Sonntag gegen CDU-Mitbewerber Peter Uebel bei der Oberbürgermeister-Wahl in Ludwigshafen durchgesetzt. Die Europaabgeordnete hat nach 16 Jahren das Rathaus für die Genossen zurückerobert und wird ab Januar als OB auf Eva Lohse (61, CDU) folgen.

Ihr Wahlslogan „Jutta macht’s“ hat sich bewahrheitet. Bei ihrer Nominierung hatte die Sozialdemokratin von der Ludwigshafener Parteibasis ein Halskettchen mit dem Anker aus dem Stadtwappen als Talisman geschenkt bekommen. Dazu kann sie im neuen Jahr nun die echte Amtskette einer Ludwigshafener OB tragen. Steinruck stammt aus Ludwigshafen. Sie wuchs im kleinsten Stadtteil West auf, einem sozialen Brennpunkt. Und dort lebt sie auch heute noch, wenn sie in der Stadt ist. Denn Steinruck ist als SPD-Europaabgeordnete auch viel in Brüssel und Straßburg sowie auf Dienstreisen unterwegs. Doch mit dem Wahlsieg wird sie das Mandat und ihren Sitz im Europaparlament aufgeben.

Die 55-Jährige ist ein Politik-Profi. Vor ihrer Zeit im Europaparlament saß sie im Mainzer Landtag. Angefangen hat Steinruck in der Ludwigshafener Kommunalpolitik. 1996 trat sie im Alter von 34 Jahren in die SPD ein. Drei Jahre später saß sie im Stadtrat, wurde stellvertretende Fraktionsvorsitzende und bildungspolitische Sprecherin ihrer Partei. Die Diplom-Betriebswirtin arbeitete bei Mannheimer Unternehmen im Personalbereich und wechselte 2004 schließlich zum Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) als Vorsitzende für die Vorder- und Südpfalz. Sie ist geschieden und hat ihren Sohn alleine großgezogen.

Zur Berufspolitikerin wurde Steinruck, als sie 2006 Mitglied des Landtags wurde. Nach drei Jahren ging sie für ihre Partei ins Europäische Parlament. Die Arbeit in Brüssel macht ihr Spaß und hat ihren Horizont erweitert. Als die Ludwigshafener SPD auf der Suche nach einem Kandidaten für die OB-Wahl war, fiel schnell Steinrucks Name. Damals ging die Partei noch davon aus, einen Wahlkampf gegen die CDU-Amtsinhaberin Eva Lohse führen zu müssen. Und die hatte ihre SPD-Gegenkandidaten schon zweimal souverän auf die Plätze verwiesen. Doch nun sollte es im dritten Anlauf mit einer weiblichen Kandidatin klappen, die zudem die soziale Karte gegen die bürgerliche Lohse ausspielen wollte. So lautete der Plan, als Steinruck im Frühjahr 2016 präsentiert wurde. Doch dann kam alles anders: Lohse erklärte im Herbst, nicht mehr anzutreten. Die CDU stellte mit Peter Uebel einen Kandidaten auf, der als Arzt ehrenamtlich Menschen ohne Krankenversicherungen behandelt. Das bot im sozialen Bereich keine Angriffsfläche.

Obwohl er später in den Wahlkampf gestartet war, war Uebel ein ernstzunehmender Konkurrent für Steinruck. Dennoch hätte es die Sozialdemokratin beinahe geschafft, sich schon im ersten Wahlgang gegen insgesamt drei Mitbewerber durchzusetzen. Das nötigt Respekt ab. Denn durch den SPD-Bundestrend bekam Steinruck keinen Rückenwind.

Steinruck hat für diesen Erfolg geackert, 20 Bürgerforen veranstaltet und die Anregungen daraus in ein 30-seitiges Arbeitsprogramm gepackt. Auch nach dem ersten Wahlgang war sie unermüdlich im Straßenwahlkampf unterwegs. Sie stand morgens ab 6 Uhr an Bahnhöfen und vor großen Unternehmen in der Stadt, um für sich zu werben. Auch in den sozialen Medien war die 55-Jährige sehr präsent. Bei Facebook hat sie 13.450 Fans. Bis spät in die Nacht beantwortete sie persönlich die Anfragen ihrer potenziellen Wähler. Das kam an.

Steinruck hat die kleinen Fraktionen im Stadtrat umworben – trotz der Zwänge einer großen Koalition, die noch bis 2019 läuft. Die „Kleinen“ haben sie überwiegend unterstützt und Wahlempfehlungen für sie gegeben. Die Politikerin will im Rat neue Mehrheiten finden. Und bezieht dabei teils auch Stellung gegen Teile ihrer Partei. Getreu einem ihrer Wahlkampfslogans: „Wir brauchen Mut und müssen mal etwas wagen“.

Steinruck will eine volksnahe OB werden. Sie hat ein Bauprogramm für 3000 bezahlbare Wohnungen angekündigt, fordert mehr Bürgerbeteiligung und will die Stadt sozial gerechter gestalten. Die „Neue“ im Rathaus möchte an große Zeiten der Ludwigshafener Sozialdemokratie anknüpfen. Ihr Vorbild Alt-OB Werner Ludwig (SPD) ist voll des Lobes über sie: „Jutta ist die beste Kandidatin, die die SPD finden konnte.“ Jetzt kann sie das zeigen. Sie hat im Wahlkampf viele Versprechen gegeben. Ob sie die als OB auch einhalten kann, daran wird Jutta Steinruck gemessen werden.

(Rheinpfalz vom 16.10.2017)