Ein Mann mit Prinzipien

Veröffentlicht am 15.01.2019 in Kommunales

Servus Stadtrat: 25 Jahre gehört Hans Mindl bereits dem Stadtrat an. Nach der Kommunalwahl wird der Oggersheimer das Rathaus-Parlament „aus Altersgründen“ verlassen. Die SPD verliert ihren Fraktionsvize und einen Charakterkopf. Mindls Enkel freuen sich derweil, dass der Opa bald mehr Zeit für sie hat.

Er wird fehlen: Der Parteispitze wegen seiner Erfahrung und der Fülle von Aufgaben, die er stemmt. Dem Stadtrat als Mann der klaren Worte und des Ausgleichs. Aber auch uns Journalisten als verlässlicher Ansprechpartner. So ganz von der politischen Bühne verabschieden wird sich Hans Mindl jedoch nicht. „Wenn mein Rat gebraucht wird, werde ich ihn gerne einbringen“, lässt sich der 72-Jährige ein Hintertürchen offen. Und beim anstehenden Wahlkampf will er seine Genossen natürlich nicht im Stich lassen. Im Stadtrat endet die Ära Mindl nach einem Vierteljahrhundert aber definitiv. „Aus Altersgründen“, wie er sagt. „Um Platz zu schaffen für die Jüngeren.“ Aber eben auch und vor allem: Um mehr Zeit für sich, seine Familie und speziell die zwei Enkelsöhne zu haben. „Die warten schon darauf“, sagt er. Dass er sich sozial engagieren will, hat Mindl im Prinzip schon als Bub beschlossen. Weil er ausgegrenzt wurde und am eigenen Leib spürte, wie schmerzhaft das ist. Mindl kam am 4. April 1946 als uneheliches Kind zur Welt. „Ich habe meinen Vater nie kennenlernen dürfen, obwohl ich gewusst habe, wo er wohnt“, erzählt er. In der Schule vor der Klasse stehen und den anderen erklären zu müssen, dass er keinen Papa habe, das sei sehr verletzend gewesen. „Das hat mich geprägt. Das berührt mich heute noch“, sagt Mindl nachdenklich.

Umso wichtiger war es für den Jungen, der eine Zeit lang von einer Pflegefamilie betreut wurde, später wieder in den Schoß der eigenen Familie, zur Mutter und zu einem Stiefvater zurückzukehren, der sehr fürsorglich war. Und sich in der Gemeinschaft, etwa bei Vereinen, einzubringen, weil derlei Anerkennung sein Selbstbewusstsein stärkte. „Das hat mir sehr viel gebracht“, sagt Mindl. Und das hat ihn auch als Mensch geformt.

„Verspreche niemals, was du nicht halten kannst“, oder: „Das, was man sagt, muss man auch umsetzen“ – für Mindl sind das in Stein gemeißelte Sätze. Sie fallen häufiger im Gespräch. „Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit sind für mich ein Lebenselixier“, sagt Mindl, der Kommunalpolitik als sein Hobby bezeichnet. „Ich lese die Unterlagen auch wirklich durch.“ Bei wichtigen Treffen, erzählt er, habe er sich stets schriftliche Vermerke gemacht, um sich darauf berufen oder andere daran erinnern zu können, was sie versprochen haben.

Kommunalpolitisch geprägt haben ihn zwei Männer: der ehemalige Oggersheimer Ortsvorsteher Manfred Vogt und der frühere Ortsvereinsvorsitzende Volker Rumetsch. „Das waren Vorbilder für mich. Sie haben sozialdemokratisches Handeln vorgelebt“, sagt er. Helmut Kohl ist Mindl nur zweimal persönlich begegnet: auf der Parkinsel, als die Promenade am Rheinufer nach dessen Frau Hannelore benannt wurde, und im Rathaus, als dem Altkanzler die Ehrenbürgerwürde verliehen wurde. „Da habe ich ihm die Hand geschüttelt und ihm gratuliert. Kohl ist Ludwigshafener. Er hat viel für Deutschland und Europa erreicht. Er hat es verdient, dass eine Straße oder ein Platz nach ihm benannt wird“, sagt Mindl zur Debatte, die 2017 vor der Oberbürgermeisterwahl für mächtig Wirbel sorgte und erst nach der Kommunalwahl fortgesetzt werden soll.

Seine SPD, der er 1979 beigetreten ist, hält Mindl trotz aller Rückschläge weiter für eine Volkspartei. Die Agenda 2010 habe sie Wähler gekostet, aber sie sei immer noch die Partei der kleinen Leute. Nur ihre Erfolge verkaufe sie schlecht. Vor Ort sei die SPD gut aufgestellt, personell wie programmatisch. OB Jutta Steinruck („Sie ist bürgernah“) wie auch der junge Parteichef David Guthier („sehr talentiert“) machten ihre Sache gut. Steinruck gibt das Kompliment zurück: „Ich schätze Hans Mindl als profunden Kenner der Stadtpolitik sowie seine Bodenständigkeit und seine Fähigkeit, die Dinge vor Ort aufzunehmen und vehement im Stadtrat zu vertreten.“ Die Frage, ob die große Koalition auch nach der Kommunalwahl am 26. Mai Bestand hat, beantwortet Mindl so: „Da bin ich überfragt.“ Wegen der Vielzahl von Parteien im Rat, werde es immer schwieriger, stabile Bündnisse zu schmieden.

Sorgen bereitet Mindl die Innenstadt, deren Blütezeit er noch in guter Erinnerung hat. Der Niedergang sei allerdings kein Wunder, da immer mehr Menschen im Internet einkauften. „Ich habe da auch kein Patentrezept“, sagt er. „Aber wenn man wegen jeder Kleinigkeit nach Mannheim fahren muss, dann stimmt was nicht“, sagt er. Auch der sich immer weiter verbreitende Egoismus in der Gesellschaft nervt ihn. „Das Umfeld, die Nachbarn, das Gemeinschaftsleben – das interessiert viele nicht mehr.“ Der inzwischen weltweit hoffähige Protektionismus sei eine Folge davon.

Verbittert wirkt Friesland-Fan Mindl, der die Ferien seit Jahren im bierseligen Städtchen Jever verbringt, deshalb aber nicht. Er spricht auch gerne über die Erfolge in seiner Laufbahn. Etwa, dass er bei den TWL das Reklamations-Management für Kunden auf den Weg gebracht hat. Dass er als Aufsichtsrat der Marketinggesellschaft Lukom in den 1990er-Jahren mit CDU-Mann Heinrich Jöckel und gegen den Willen des Kämmerers und Parteifreunds Wilhelm Zeiser ausziehbare Tribünen für die Eberthalle durchgesetzt hat – eine Investition von zwei Millionen Mark. Oder dass er bei der Gründung der Rhein-Neckar-Verkehrsgesellschaft mit am Tisch saß („Das war richtig und sinnvoll“) und außerdem die Fusionen der Sparkasse eng begleitet hat. „Das konnte ich unmittelbar mitgestalten.“

Als Enttäuschung verbucht Mindl den zwischenzeitlichen Einzug der Republikaner und der NPD in den Stadtrat. Dass dort womöglich bald auch die AfD, für ihn „eine reine Protestpartei“, Platz nehmen wird, kommentiert er Mindl-typisch so: „Man muss sich mit den Menschen auf der Straße unterhalten und ihre Sorgen ernst nehmen. Demokratie muss man sich immer neu erarbeiten.“

(Rheinpfalz vom 15.01.2019)

 

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