„Es hat mir Spaß gemacht“

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Werner Ludwig hat von 1965 bis 1993 die Stadt als Oberbürgermeister regiert. Er ist Sozialdemokrat und Ludwigshafener aus Überzeugung. Heute wird er 90.

Werner Ludwig hat Ludwigshafen seinen Stempel aufgedrückt. In seiner 28-jährigen Amtszeit als Oberbürgermeister wurden die Hochstraßen gebaut, ein neuer Hauptbahnhof am Rande des Stadtzentrums und das Rathaus-Center errichtet. Auch das Hack-Museum entstand in der Ära Ludwig. Das einstige Arbeiterviertel Hemshof wurde modernisiert, in der Pfingstweide ein komplett neuer Stadtteil aus dem Boden gestampft, und mit der Eingemeindung des Dorfes Ruchheim dehnte sich die Stadtgrenze nach Westen aus.Der Sozialdemokrat Ludwig regierte die Stadt in einer Zeit des Wohlstands. Im Gegensatz zu heute war Geld vorhanden, mit dem die Verwaltung große Projekte umsetzen konnte. Kritiker merken an, dass die heutige Schuldenlast von einer Milliarde Euro auch auf die Politik in der Ära Ludwig zurückzuführen sei.

Der Alt-Oberbürgermeister weist das entschieden zurück: „Als ich Mitte 1993 aus dem Amt geschieden bin, hatten wir eine Rücklage von 200 Millionen Mark, weil wir trotz des vermeintlichen Reichtums der Stadt sparsam gewirtschaftet haben.“ Und auch in Sachen Hochstraße habe die Stadt wegen der räumlichen Nähe zum Rathaus-Center keine andere Möglichkeit gehabt, als die Trägerschaft zu übernehmen. Die heutige Finanzmisere führt Ludwig auf die geänderte Steuergesetzgebung des Bundes zurück, die seit Jahrzehnten Städte beim kommunalen Finanzausgleich benachteilige – eine Einschätzung, die übrigens auch die heutige Stadtspitze teilt.

Wer mit Werner Ludwig spricht, merkt schnell, dass er mit Leib und Seele Oberbürgermeister war. „Ich denke dieser Tage viel an mein Leben zurück: Es waren interessante Zeiten, die ich erlebt habe. Wir haben die Innenstadt neu gestaltet – es war eine Zeit des Aufbruchs. Ich blicke mit Genugtuung zurück“, sagt der nun 90-Jährige heute. Ludwig ist der Stadt treu geblieben, er wohnt seit Jahrzehnten in der Ernst-Reuter-Siedlung (Gartenstadt).

Sein Leben ist mit der Sozialdemokratie eng verknüpft. In Pirmasens am 27. August 1926 geboren, erlebte der junge Werner, dass sich seine Eltern in der SPD engagierten. Vater Adolf Ludwig wurde 1932 in den Bayerischen Landtag gewählt – damals gehörte die Pfalz noch zu Bayern. In der Nazi-Zeit musste die Familie fliehen. Daher verbrachte Werner Ludwig seine Jugend im Exil in Frankreich, wo er während der deutschen Besatzung auch für die französische Widerstandsbewegung Botengänge erledigte. Die Gestapo hatte ihn mehrmals im Visier, „doch mit Glück konnte ich mich immer wieder rausziehen“, erinnert er sich. Noch heute fühlt sich Ludwig dem Nachbarland eng verbunden. Dass Ludwigshafen mit Lorient eine enge Partnerschaft hat, ist ihm zu verdanken.

Nach dem Krieg war Ludwigs Vater Chef des Deutschen Gewerkschaftsbunds in Rheinland-Pfalz und Bundestagsabgeordneter. Der Sohn studierte Rechtswissenschaften und promovierte. Zunächst beim Gewerkschaftsbund tätig, arbeitete er bei der Landesversicherungsanstalt in Speyer, bis er in den 1950er-Jahren bei der Stadtverwaltung Ludwigshafen ins Sozialdezernat wechselte. 1958 wählte ihn der Stadtrat zum Sozialdezernenten. „Damals ging es darum, Wohnraum für die vielen Wohnungssuchenden zu schaffen“, sagt er rückblickend. 1965 wurde er vom Rat zum Oberbürgermeister gewählt. Er hat sich auch außerhalb der Stadtgrenzen im Bezirkstag Pfalz engagiert, dem er bis 1996 vorstand. Und natürlich war er eine der tonangebenden Köpfe in der pfälzischen SPD.

Die Krise der Sozialdemokratie hat Werner Ludwig aufgewühlt. Als unter dem SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder die Hartz-IV-Gesetzgebung beschlossen wurde, war Ludwig empört: „Meine Frau und ich meinten, das könne doch nicht mehr unsere Partei sein.“ Doch er wollte seiner politischen Heimat nicht den Rücken kehren, mittlerweile gehört er der SPD 70 Jahre an. Noch mit 83 Jahren schrieb er ein Thesenpapier an seine Partei, mit dem er die Gründe für die sinkende Popularität der SPD offenlegte und Wege aus dem Tief zeigen wollte. Ludwig sparte dabei nicht an deutlicher Kritik und forderte seine Genossen auf, wieder auf die Straße zu gehen und den Menschen dort zuzuhören. Heute kann er sich immer noch über unsoziale Politik aufregen, wenn etwa die Arbeitnehmer einseitig die Erhöhung der Krankenkassenbeiträge zahlen müssen. „Aber die SPD ist wieder sozialer eingestellt“, sagt Ludwig. Zur großen Koalition im Ludwigshafener Rathaus sieht er wenig Alternativen, da andere Konstellationen zu instabil wären.

Der Tod seiner geliebten Frau Lucia hat ihn sehr getroffen, und er ist froh, dass seine drei Kinder in der Nähe wohnen. Ludwigs Wort hat in Ludwigshafen immer noch Gewicht. „Wir sind stolz, Werner Ludwig in unseren Reihen zu wissen. Sein Rat ist bei uns nach wie vor geschätzt“, sagt Parteivorsitzender David Schneider (26). Er könnte altersmäßig einer von Ludwigs sechs Enkeln sein. Auch die designierte OB-Kandidatin Jutta Steinruck sieht sich in Ludwigs Tradition – der letzte SPD-Oberbürgermeister Wolfgang Schulte taugt für die Genossen nicht zum Vorbild. Mittlerweile ist aus dem Alt-OB Ludwig so etwas wie die Ikone der Ludwigshafener SPD geworden. Und er sieht nun durchaus Chancen für seine Partei, wieder das Oberbürgermeisteramt zurückzugewinnen. „Steinruck ist die beste Kandidatin, die die SPD finden konnte“, sagt Ludwig.

Die jetzige CDU-Amtsinhaberin Eva Lohse schätzt ihren Vorvorgänger und nannte ihn in einer Laudatio einmal den „ewigen Oberbürgermeister“ der Stadt. Mit 28 Jahren im Amt war Ludwig der dienstälteste OB der Bundesrepublik. Bei vielen Ludwigshafenern ist das ehemalige Stadtoberhaupt immer noch beliebt. Die Oberbürgermeisterin wird dem Ehrenbürger der Stadt heute einen offiziellen Geburtstagsempfang mit über 150 Gratulanten im Pfalzbau-Foyer ausrichten.

Mit Preisen und Auszeichnungen ist der Jubilar schon reichlich bedacht worden. Dass ihm immer noch so viel Anerkennung widerfährt, das dürfte Werner Ludwig besonders schätzen. Und er blickt zufrieden auf seine aktive Zeit zurück: „Es hat mir Spaß gemacht.“ Ob ihm heute der Trubel zu seinem Geburtstag nicht zu viel wird? „Ich fühle mich noch ganz wohl – das geht schon“, sagt er und lacht.

Immer im Bilde: Werner Ludwig im heimischen Wohnzimmer, im Garten mit seiner verstorbenen Frau Lucia, bei seiner Verabschiedung im Pfalzbau mit Helmut Schmidt und mit Willy Brandt bei einer Wahlkampfveranstaltung in Ludwigshafen. Mit Helmut Kohl hat er einige Sträuße ausgefochten. Von Ministerpräsident Kurt Beck ließ er sich gerne ehren.

​(Rheinpfalz vom 27.08.2016)