„Ein Segen für die Gartenstadt“

Kommunales

Der SPD-Landesverband eröffnet am 2. Januar ein Quartierbüro in der Ernst-Reuter-Siedlung in der Gartenstadt. Mit dem bundesweiten Pilotprojekt, das auf zwei Jahre angelegt ist, reagiert die Partei auf die zuletzt hohen Zustimmungswerte für die AfD und will sich als Ansprechpartner profilieren.

In Ludwigshafen stehen die Sozialdemokraten aktuell vergleichsweise gut da. Mit Jutta Steinruck (55) stellen die Genossen ab Januar die Oberbürgermeisterin. Sechs der zehn Ortsvorsteher haben ein SPD-Parteibuch, die Fraktion im 60-köpfigen Stadtrat belegt 21 Sitze und damit die meisten. Aber die SPD hat hier schon wesentlich bessere Zeiten erlebt. Von einst 8000 Mitgliedern sind knapp 1400 geblieben. Die CDU, mit der die SPD im ehemals rot dominierten Rathaus eine Koalition bildet, ist ein Partner auf Augenhöhe. Im Stadtteil Gartenstadt, wo mit knapp 17.000 Einwohnern zehn Prozent der Bevölkerung lebt, fuhr die SPD früher mal Traumresultate ein. Speziell das Arbeiterviertel Ernst-Reuter-Siedlung, wo zurzeit 5556 Menschen wohnen, war mit bis zu 60 Prozent Zustimmung eine SPD-Bank. Doch diese Zeiten sind längst vorbei. „Wir haben uns nicht genug um diese Menschen gekümmert“, räumt Markus Lemberger selbstkritisch ein. Der 56-Jährige führt den SPD-Ortsverein Gartenstadt-Niederfeld. Mit 170 Mitgliedern ist er der zweitgrößte stadtweit.18,9 Prozent: Dass die AfD mit diesem Ergebnis bei der Bundestagswahl in der Gartenstadt hinter der SPD (27,9) und der CDU (27,6) drittstärkste Kraft war und am 24. September in den drei Bezirken der Reuter-Siedlung sogar 28, 31 und 31,9 Prozent der Stimmen holte, war nicht nur für Lemberger, sondern auch für den SPD-Landesverband ein Alarmsignal. Als ersten Schritt, um in dieser ehemaligen SPD-Hochburg wieder Fuß zu fassen, haben die Genossen in Mainz nach ihrer Wahlanalyse die Gartenstadt für ein bundesweites Pilotprojekt ausgewählt. „Dafür sind wir sehr dankbar“, sagt Lemberger. „Wir müssen wieder mehr vor Ort präsent sein. Das Büro soll eine Anlaufstelle sein. Bei einer Tasse Kaffee können die Leute mit uns über Probleme sprechen. Hier soll ein quirliges Stadtteilzentrum entstehen. Es gibt hier ja keinen klassischen Treffpunkt mehr“, verdeutlicht Stadtverbandsvorsitzender David Schneider (28).

In Statistiken, aber auch im Straßenbild spiegelt sich die schwierige Situation in der Siedlung wider: triste Wohnblocks, die auf eine Renovierung warten, Ladenzeilen, die leerstehen, Gaststätten, die zu Spielhöllen werden, und eine überdurchschnittlich hohe Arbeitslosenquote kennzeichnen das Viertel. Während andere Stadtteile stark wachsen, hält sich der Zuzug hier in Grenzen. Der Anteil jüngerer Einwohner schrumpft. 2014 bis 2016 gab es 93 neu genehmigte Wohnungen – bei 1511 in ganz Ludwigshafen. Das entspricht einem Anteil von nur 6,2 Prozent. „Wenn wir da nicht rechtzeitig gegensteuern, ist die Siedlung auf dem besten Weg, ein sozialer Brennpunkt zu werden“, warnt Lemberger. „Der Stadtteil braucht dringend mehr Zuzug, vor allem von Familien mit Kindern. Helfen könnte ein Neubaugebiet.“

Hoffnung macht Lemberger und Schneider der zurückliegende OB-Wahlkampf. Die Resonanz bei einem Stadtteiltag im Sommer sei großartig gewesen. „Endlich ist mal jemand da, der uns zuhört“ – das sei die Reaktion vieler Menschen gewesen, die man durch Haustürgespräche erreicht habe. Dass Steinruck ihren CDU-Konkurrenten Peter Uebel bei der OB-Stichwahl am 15. Oktober sogar in dessen Heimatstadtteil Gartenstadt hinter sich gelassen hat, führen die Sozialdemokraten nicht zuletzt auf ihre direkte Ansprache vor Ort zurück. „Egal, wo wir geklingelt haben. Die Leute waren froh, dass wir gekommen sind“, blickt Schneider zurück. „Das war geil.“

In dem neuen Quartierbüro in der Kärntner Straße, gleich neben dem „Altdeutschen Bierstübl“, soll daran angeknüpft werden. An einem detaillierten Konzept mit kostenlosen Veranstaltungen, Themenabenden oder Bürgersprechstunden wird noch gefeilt. Die ehemaligen Räume der Drogeriekette Schlecker bieten 200 Quadratmeter Nutzfläche. Sie sind für zwei Jahre von der Eigentümer-Familie Grieshaber gemietet. Es soll einen freien Computerzugang und öffentliches WLAN geben. Ansprechpartner ist Klaus Beißel vom SPD-Landesverband. Ein weiterer Mitarbeiter auf Stundenbasis wird noch gesucht. Lemberger ist überzeugt: „Das Büro ist ein Segen für die Gartenstadt.“

Öffnungszeiten

Werktags, 10 bis 18, freitags bis 16 Uhr.

(Rheinpfalz vom 19.12.2017)